24. Juni 2021Melissenblätter

Ein Bienenlockmittel, das Magen und Seele beruhigt

Melissenblätter (Melissae folium) wirken entblähend, verdauungsfördernd und krampflösend. Empfehlen wir sie daher unseren Patienten.

LEMON BALM
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Das griechische Wort «melissophyllon» bedeutet Bienenblatt. Eine Melissenstaude als Bienenfutter im Nutzgarten darf nicht fehlen, denn sie garantiert reichen Ernteertrag! Wildbienen und Hummeln lieben die Blüten und bestäuben nebenbei gerne Gemüse- und Obstpflanzen. Die medizinische Nutzung ist seit dem 10. Jahrhundert im arabischen Raum vor allem bei melancholischen Beschwerden üblich. Unter Karl dem Grossen (der alte Karl, der Frankenkönig!) wurde die Pflanzung von Melisse per Dekret im Klostergarten angeordnet. Heute sind Melissae folium und Melissae aetheroleum Bestandteil der Ph. Eur.

Die Qualität der Droge ist mit mindestens 1 % des Lamiaceengerbstoffs Rosmarinsäure standardisiert. Sie ist vorrangiger Bestandteil der im Hauptkomplex enthaltenen Hydroxyzimtsäurederivate, die bis zu 11 % im trockenen Blatt vorliegen. Kaffeesäurederivate als Di- bis Tetramere und Chlorogensäure neben Gallus- und Vanillinsäure sind enthalten. Bis zu 0,5 % Flavo­noide, vorwiegend Luteolin-3´-O-­glucuronid und ein 1,3-Benzodi­oxoaldehyd stellen die stark anti­oxidativ wirksame Komponente des Wirkkomplexes. Das ätherische Öl im Melissenblatt ist mit bis zu 0,3 % gering. Es besteht zum Grossteil aus den azyklischen Monoterpenen Ci­tral und Citronellal, die in der Natur immer gemeinsam auftreten und für den zitronenartigen Geruch verantwortlich sind.

Melisse ist ein Multitalent – das Extraktionsverfahren bestimmt die Wirkung. Konzentrierte wässrige Auszüge des Melissenblatts wirken nachgewiesen antiviral gegen Herpes-simplex-Influenza- und HI-Viren. Die Virushemmung erfolgt durch Blockade der Virusanheftung und Verhinderung des Eindringens in menschliche Zellen.1 Wirksamkeitsbestimmend sind Rosmarinsäure und Polymere der Phenolcarbonsäuren. Ethanolische Auszüge des Melissenblatts zeigen im Tierexperiment sedative, analgetische und antiulzerogene Effekte. Die zytoprotektive Wirkung der Flavonoide und ihre Fähigkeit, reaktive Radikale abzufangen, wird in diesem Zusammenhang vermutet.2 Das ätherische Öl wirkt nachweislich spasmolytisch auf den Verdauungstrakt.3 Die Wirkung als Stomachikum ist hiermit bestätigt.

Unseren Patienten können wir hauseigene Teemischungen oder ethanolische Tonika als entblähendes, krampflösendes und verdauungsförderndes Mittel empfehlen. Zur Behandlung von Lippenherpes sind konzentrierte Trockenextrakte als Lippencreme im Handel erhältlich, die auch erfahrungsgemäß bei Gürtelrose und Herpes genitalis Linderung bringen. Als wichtiger Bestandteil ist Melisse bis zu 30 g/ 100 g auch in Beruhigungstees empfohlen. Melisse in Teeauf­güssen oder als Trockenextrakt in Kombination mit Baldrian oder Passionsblume ist äusserst effektiv. Auch im Rahmen der Aromatherapie wird Melissenöl eingesetzt. Aufgrund des geringen Gehalts in der Droge ist es jedoch eines der teuersten ätherischen Öle. Als Inhalation ist die Kombination von Melisse und Orangenöl in der Duftlampe 1:10 zur Entspannung sehr zu empfehlen! ■

  1. Astani A et al., Chemotherapy 2012: 70–7 2 Kayyal M et al., 2001: 545–53 3 Reiter M et al., Arzneim Forsch 1985: 408–14